lic.phil.(Dipl.)  Psychologe
Klinischer Psychologe
Psychologischer Psychotherapeut

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F. Einige der theoretischen Grundlagen Daseinsanalytischer Sexualpsychotherapie

Siehe auch „Theorie - Methoden und Praxis
(Bitte diesen Teil sehr aufmerksam lesen)

F.1. Sexualität ist ein aus biologischen und sozialen Gegebenheiten, durch psychische Aktivität integriertes komplexes System

Es ist ein Zusammenwirken von:
1. Biologischen, d.h. physiologischen, anatomischen, hormonalen u. neuronalen Gegebenheiten,
2. Sozialen, d.h. kulturellen u. gesellschaftlichen Normen und Werten,
3. das durch psychische Aktivität, zu einem sehr komplexen integriertem System der biologischen, sozialen u. kulturellen Gegebenheiten wird.

F.2. Zur Definition einer sexuellen Störung

Eine sexuelle Störung liegt dann vor, wenn eine Frau oder ein Mann ihre eigenen sexuellen Erwartungen u. sexuellen Wünsche nicht erfüllen können. Das bedeutet auch bei den meisten Menschen, dass sie darunter leiden, wenn sie die von ihrer Kultur und ihrer Zugehörigkeitsgruppe sexuellen Normen und Werte des sexuellen Empfindens und Handelns nicht verwirklichen können.

F.3. Weder erfüllende, befriedigende, noch gestörte Sexualität ergeben sich aus sexueller Technik.

Lustgesteuerte u. befriedigende Sexualität des Menschen ist kein für sich abgesonderter und getrennter Lebens - u. Erlebnisbereich. Im Gegenteil: Das individuelle sexuelle Lusterleben (auch in Fantasie) und im sexuellen Handeln, ergibt sich aus dem gesamten Individuellen nicht- sexuellen Innerweltlichen-Bezugssystem eines Menschen zu sich selbst und zu anderen in seiner zwischenmenschlichen Welt.
(Zu diesem Begriff siehe die nächsten Absätze F. 5.-6.-7.).

Sexuelles lustvolles Erleben mit einer Partnerin oder mit einem Partner, oder dessen Störung ist weder ein technisches Problem der technischen körperlichen Handlungen, noch hängt sie von „Unwissen“ oder „Wissen“ ab. Auch ist erfüllende Sexualität keine „Kunst“.

Erfüllende Sexualität
ist eine nur sehr begrenzt willentlich steuerbare Äußerung von Lebens- u. Lustgefühlen aus der konkreten zwischenmenschlichen sehr nahen Situation heraus, im unmittelbaren Kontakt und im Bezug zu einem anderen Menschen. Körperliches Handeln im sexuellen Kontakt entspringt der seelisch steuernden Lust. Lustvolle Erfüllung in dieser Situation hängt nicht von einer gedachten u. geplanten sexuellen Technik, sondern von dem immer erlebten Bezug zu sich selbst und dem Bezug zu (diesem) anderen Menschen in dieser Situation ab.

Die hier dargestellte Daseinsanalytische Sexualpsychotherapie für nicht organisch verursachte Störungen der Sexualität unterscheidet sich von der in den siebziger Jahren zuerst in den USA u. später in Europa angebotenen Sexualtherapien von Masters u. Johnson „Human sexual Inadequacy“ 1970 J.&A.Churchill Ltd. London u. Helen Singer- Kaplan1974, „The new sex Therapy“, Brunner/Mazel Inc. NY .( u. deren weitere Entwicklungen), die besondere technisch- körperliche Übungen in ihren Sexualtherapieverfahren anwenden. Noch fraglicher für die Therapie von sexuellen Störungen bei Männern ist auch der Nutzen medikamentöser Mittel (Viagra u. a.) zur Förderung der Erektion.

F.4. Gereifte* Sexualität ist immer ein gleichzeitiges körperlich-seelisches Erleben der LUST als Bezug zu einer anderen Person

In der gereiften Sexualität ist lustgesteuertes sexuelles Handeln in Realität u. Fantasie immer ein in einer zwischenmenschlichen Situation Im-Bezug-Sein zu einer anderen Person (oder zu mehreren Personen). Die durch Vorstellung fantasierte zwischenmenschliche Situation lustvollen sexuellen Handelns ist meistens nicht an eine bestimmte Person gebunden. So ist lustvolles u. befriedigendes sexuelles Handeln immer ein zwischenmenschliches gefühlsgesteuertes aufeinander gerichtet sein. („Gefühlsgesteuert“ meint hier nicht „Liebe“). Eine sexuelle Situation ist deswegen immer ein reales oder in der Vorstellung phantasiertes, aber immer ein im Lustgefühl gesteuerter Bezug des aufeinander Gerichtetseins von zwei oder mehreren Menschen. Lustgesteuertes sexuelles Handeln in Realität u. Fantasie ist zwar immer ein In-Bezug-Sein zu einer anderen Person, jedoch Art u. Inhalte dieses als Lust erlebten Bezuges einer Person zu einer anderen ist bei Menschen sehr individuell u. unterschiedlich. In der westlichen Kultur ist die Lust überwiegend abhängig von der Gegenseitigkeit des lustvollen Bezuges der Personen zueinander. **

* Unreife Sexualität ist die rein körperliche Stimulierung sensitiver erogener Körperzonen, hauptsächlich Penis u. Klitoris, wie sie schon in früher Kindheit auftritt u. bis zur Pubertät noch nicht an das Erleben einer zwischenmenschlichen Situation gebunden ist. Der Begriff „reife“ Sexualität unterscheidet sich hier von S. Freuds Libidotheorie.
** In manchen Kulturen u. Religionen, z. B. der Christlichen u. Islamischen, ist die lustvolle Sexualität, im besonderen der Frau nur begrenzt befürwortet. In Afrikanischen Kulturen z. B. soll die klitorale Beschneidung erwirken, dass die Frau einen ergebenen, jedoch keinen lustvollen Bezug in der Sexualität zu ihrem Partner hat.

F.5. Die Unterschiedlichkeit der möglichen Inhalte lustvoller Bezüge zum anderen

Die möglichen lustvollen Bezüge der Individuen zu einer anderen Person sind jedoch komplex und bei verschiedenen Individuen höchst unterschiedlich. Sie reichen von dem lustvollen Wunsch, die andere Person in ihren Gefühlen zutiefst zu erreichen, u./oder von ihr erreicht zu werden, bis zu dem Gefühl der aggressiven Verachtung des anderen oder der eigenen Person. Sie reichen von dem lustvollen Erleben in einer intimen Selbstaufdeckung begehrt zu werden bis zur Erfüllung des Bedürfnisses verdeckt zu sein. Sie reichen von dem lustvollen Erlebnis zu dominieren oder dominiert zu werden. Der lusterzeugende Bezug zu einander kann gegenseitige Hingabe sein, er kann aber auch ein Bezug der einseitigen Bewunderung sein. Ein lustvoller Bezug zu einer Person kann in der Distanz, der Überlegenheit, der Macht oder Ohnmacht oder der persönlichen Gleichgültigkeit zustande kommen. Die für unterschiedliche Menschen möglichen, im sexuellen Erleben lustvoll gefühlsgesteuerten Bezugsarten sind in diesem Rahmen nicht erschöpfend zu besprechen.

F.6. Über den Begriff: Das Innerweltliche-Bezugssystem-zu-sich-selbst-u.-zu-anderen

Sehr verkürzt ist das Innerweltliche-Bezugssystem-zu-sich-selbst-u.-zu-anderen das subjektive Erleben jedes Menschen „wie“ und als „was“ er von anderen erlebt wird. Was er von anderen erwarten kann u. erwarten darf. Was u. wie er sein kann und wie er sein muss, wie er zu sein hat um toleriert, um akzeptiert, um geschätzt, um geliebt oder um begehrt zu werden. Es ist weder gedacht, noch ist es geplant, es ist einfach ERLEBT. Es entwickelt sich seit früher Kindheit u. bestätigt sich oder verändert sich bis zum Lebensende. Das innerweltliche-Bezugssystem-zu-sich-selbst-u.-zu-anderen ist das subjektive Eigenerleben des Individuums seines Platzes u. Ranges in der zwischenmenschlichen Welt, es umfasst seinen (subjektiv erlebten) Wert u. seinen Unwert, seine Macht oder Machtlosigkeit.
Aus seinem Innerweltlichen-Bezugssystem-zu-sich-selbst-u.-zu-anderen gestalten sich die Beziehungen eines Menschen zu anderen. Es bestimmt seinen Lebensweg u. seine Daseinsweise. Es bestimmt die Wahl seiner Freunde u. noch mehr seine Partnerwahl, nämlich wen er meidet u. wem er sich nähert, wie viel Nähe er wagen kann. Es bestimmt seine Angst vor Versagen und ob u. wie er sich in der Welt behaupten kann: Ob durch Harmonie, oder durch Reibung u. Widerstand gegen die oder den anderen. Ob er sich durch Dominanz oder durch Unterwerfung behaupten kann? Kann er Vertrautheit u. Nähe wagen, ohne sich eine Blöße zu geben, oder misstraut er den anderen u. braucht die Distanz?

F.7. Die Sexuelle Rolle im Innerweltlichen-Bezugssystem-zu-sich-u.-zu-anderen

Sexualität ist nicht nur biologisch, sondern auch gesellschaftlich und kulturell geprägt. Die Geschlechtsrolle definiert sich im zwischenmenschlichen je nach Kultur u. Gesellschaft. Kulturell- gesellschaftlich geprägte Werte von Idealer Weiblichkeit u. von Idealer Männlichkeit sind Eigenschaften u. Errungenschaften, die in der aktualisierten Sexualität erreicht werden sollen. Im Innerweltlichen-Bezugssystem-zu-sich-u.-zu-anderen nimmt das Bestreben, die je nach Kultur ideale sexuelle Rolle als Frau oder als Mann zu erfüllen einen wichtigen Raum ein. Die Angst diese Rolle nicht zu erfüllen ist einer der häufigsten Ursachen sexueller Dysfunktionen. (Siehe unten)

F.8. Die Kompatibilität des Innerweltlichen-Bezugssystem(s)-zu-sich-u.-zu-anderen der in einer sexuellen Situation sich befindenden Personen

Lustvolle u. befriedigende Sexualität hängt von der Kompatibilität oder Inkompatibilität des Inneren-Bezugssystems-zu-sich-selbst-u.-zu-anderen der in einer sexuellen Situation aneinander handelnden Partner ab. Trotz oder vielleicht wegen der Vielfältigkeit der Beziehungsmöglichkeiten zu sich selbst u. zu anderen, von denen einige hier oben angeführt wurden, wird in der zwischenmenschlichen Selektion von Personen eine genügende Kompatibilität erreicht, um eine lustvolle u. befriedigende sexuelle Beziehung zu haben.

F.9. Einiges zur Sexuelle Dysfunktion

1. Zu sexuellen Dysfunktionen kommt es, wenn das Innerweltliche-Bezugssystem-zu-sich- selbst-und-zu-anderen überwiegend zu Ungunsten des Bezuges-zu-sich-selbst das subjektive Erleben bestimmt. Angst vor Versagen, Leistungsdruck führen dann zu den unterschiedlichsten oben geschilderten sexuellen Dysfunktionen.

2. Zu sexuellen Dysfunktionen kommt es, wenn eine Kompatibilität der Innerweltliche(n)-Bezugssystem(e)-zu-sich- selbst-und-zu-anderen zwischen den in sexueller Beziehung zu- einander stehenden Personen nicht (oder nicht mehr) zustande kommt. Desinteresse, Unlust, können dann schon von Anfang einer sexuellen Beziehung, Abneigung bis Ekel bei schon lange Zeit bestehenden sexuellen Beziehungen entstehen.

3. Innere Konflikte bezüglich der eigenen sexuellen Rolle können zu Unlust, zu Spannungen bis zu Verkrampfungen in der sexuellen Situation führen.

F.10. Ziele der Daseinsanalytischen Sexualpsychotherapie

1. Die Daseinsanalytische Sexualpsychotherapie bezieht sich auf die Dysfunktionen, die sich auf Grund des Innerweltlichen-Bezugsystems-zu-sich-u.-zu-anderen u. der sexuellen Rolle in der Sexualität ergeben.

2. Paare: Die innerweltlichen Bezugssysteme können im Laufe einer längeren Beziehung zu Veränderungen aktueller Beziehungssituationen führen. Bei Paaren schlagen sich die im Laufe der Beziehung veränderten Bezüge der Partner zu einander in der Sexualität nieder. So wird bei Paaren die Daseinsanalytische Sexualpsychotherapie in erster Linie zu einer Beziehungstherapie.
(Siehe oben D.)

F.11. Zielsetzungen bei organisch verursachten Einschränkungen

Wenn chronische oder unheilbare organische Ursachen die sexuelle organische Funktion einschränken, muss eine Zielsetzung der Sexualtherapie so geplant sein, dass innerhalb der Grenzen dieser Einschränkungen bei organisch verursachten Dysfunktionen eine Befriedigung sexueller und/oder psychosexueller Bedürfnisse ermöglicht wird. So z. B. im Alter u. bei Behinderungen, Verletzungen, genetischen Ursachen, nach Krankheiten, bei unverzichtbarer Medikamenteneinnahme.


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